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Marian Stiehler

Student

Informatik
Philosophie Psychologie Kunstwissenschaft

Requiem für den Home Button

Requiem für den Home Button

Apple hat das neue iPhone X vorgestellt. Es hat keinen Home-Button mehr – damit geht eine Design-Ära zu Ende.

 © Apple

© Apple

Ursprünglich hatte der Home Button nur eine Funktion: Er brachte den Nutzer auf den Home-Bildschirm zurück. Bis mit dem iPhone 5S im Jahr 2013 Touch ID (der Fingerabdruckscanner) eingeführt wurde, trug der Button sogar den stilisierten Umriss eines App Icons, wie sie auf dem Home Screen erscheinen; später war das nicht mehr nötig, da die Kunden seine Funktion verinnerlicht hatten (zumal nicht wenige den Umriss auf dem Button gar nicht als den Umriss eines App Icons erkannten). Es sollte keinen Zweifel geben an der Funktion dieses Knopfes.

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Ikonographisch stand er für das iPhone, manchmal für das Smartphone schlechthin: Ein Rechteck mit einem runden Kreis unten genügt, und der Mensch des frühen 21. Jahrhunderts weiß, um welches Gerät es sich handelt. Apple’s neues Hauptquartier zollt ihm seinen Tribut: die Knöpfe in den Aufzügen sollen seine Form haben und auch aus der Luft ist eine gewisse Ähnlichkeit nicht zu verkennen.

Der Home Button war gutes Design aus mehreren Gründen. Er war simpel. Nichts an ihm war überflüssig oder rein dekorativ. Er funktionierte zuverlässig immer und überall und sofort. Und er war discoverable.

Discoverability ist ein Konzept, das sich am leichtesten mit Türklinken erklären lässt: Es gibt Türklinken, denen man ansieht, ob man drücken oder ziehen muss. Besonders an Orten, an denen es sehr schnell gehen muss – in einem Krankenhaus etwa – finden sich bei Türen, die sich durch Drücken öffnen, keine Klinken, sondern flache Metallplatten. Jedem »Benutzer« ist sofort klar, dass er drücken muss. Eine weitere Beschriftung (»Drücken«) ist überflüssig. Ein Design ist discoverable, wenn ein Mensch ihm seine Funktion ansehen kann.

In den 80er und 90er Jahren war Apple ein Vorreiter dieses Konzepts und hat auch dessen wissenschaftliche Aufarbeitung gefördert – doch dann kam Jony Ive. Der wohl (bisher) einflussreichste Designer des 21. Jahrhunderts hat eine Obsession mit Minimalismus – und dieser Minimalismus kollidiert manchmal mit Discoverability. So sah man dem Trackpad eines MacBooks (oder jedes anderen Laptops) jahrelang problemlos an, dass es sich um eine Fläche (für die Bewegung des Cursors) und einen Button (zum Klicken) handelte. Bis Jony Ive das Design seinem Minimalismus unterwarf und simplifizierte: Das Trackpad selbst wurde der Button. Dieses Design ist nicht nur ästhetisch minimalistisch, es ist auch haltbarer und robuster (das ist häufig der Fall, wenn mehrere Teile durch ein Teil ersetzt werden, wie es im Minimalismus sehr oft geschieht) – aber es ist komplizierter. Fortan muss man wissen, dass sich das Trackpad auch drücken lässt, man sieht es ihm nicht mehr an. Das neue Design ist nicht nur ein Gewinn, es ist auch ein Verlust.

 ©  Andrew Plumb  CC-BY-SA 2.0

© Andrew Plumb CC-BY-SA 2.0

 ©  SimonWaldherr  CC-BY-SA 4.0

© SimonWaldherr CC-BY-SA 4.0

Als Apple begann, den Home Button des iPhones mit weiteren Funktionen zu belegen (doppelt drücken für Multitasking, drücken und halten für Siri, doppelt antippen für Ein-Hand-Bedienung), entfernte man sich vom Ideal der Discoverability. Kein Mensch sieht einem Knopf an, wie oft man ihn drücken muss, jedenfalls nicht ohne Beschriftung (und es gab selbstverständlich keine solche).

Einer der Pioniere des Marktes für Post-PC-Geräte (Smartphones, Tablets, damals: Handhelds) war Palm. Palm wurde von Apple und Google überrollt. 2012 versuchte das Unternehmen eine Aufholjagd – und scheiterte kläglich. Im Zentrum dieser Aufholjagd stand ein Betriebssystem: webOS. Es läuft aktuell eine Debatte darüber, ob Apple bei Palm oder Palm bei Apple abgeguckt hat – oder ob beide unabhängig voneinander zu den gleichen Ergebnissen kamen – aber die Ähnlichkeiten sind nicht zu übersehen. Drückt man auf dem iPhone zweimal auf den Home Button (falls es einen hat), öffnet sich der sogenannte App Switcher. Ursprünglich handelte es sich um eine Reihe von Icons an der Stelle des sogenannten Dock, am unteren Rand des Bildschirms. Mit iOS 7 übernahm Jony Ive die Leitung des iPhone-Software-Designs und entwickelte einen App Switcher, der mehrere »Karten« nebeneinander oder, später, übereinander anzeigte. Dieses Karten-Design war das Herz von Palms webOS.

 © Palm/HP, slashgear.com

© Palm/HP, slashgear.com

 © Apple

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Jetzt, mit dem iPhone X, ist der Home Button fort. Ein großes Display nimmt (fast) die ganze Vorderseite des Geräts ein. Den Home-Bildschirm erreicht man nun, indem man mit dem Finger von der unteren Bildschirmkante nach oben streicht. Klingt komplizierter, als einen großen Knopf zu drücken? Ist es auch.

Die Idee scheint zu sein, dass man, wenn man mit dem Finger von unten nach oben wischt, eine der Karten verkleinert, so etwa als hätte man ein Kartenspiel in der Hand und fächert mit dem Daumen die Karten in der Hand auf. Ich halte diese Geste für zu kompliziert. Dass ein Wischen von unten ehemals zum Kontrollzentrum führte (nun zieht man es von der oberen rechten Ecke herunter), macht es nicht besser. Man muss wissen, wie man den Home-Bildschirm auf dem iPhone X erreicht, von Discoverability ist hier nicht viel zu sehen. Hier hat Funktionalität gegen Ästhetik verloren, form does not follow function. Aber die Kunden werden es lernen, und wer weiß: Vielleicht ist es kein kleiner Preis für das großartige Super Retina Display.

Ikonographisch hat das iPhone an Charakter verloren. Es ist nicht mehr sofort als iPhone erkennbar. Es nähert sich Jony Ive’s Vision eines ununterbrochenen Glas-Monolithen an. Es rückt die Software in den Vordergrund, tritt völlig hinter ihr zurück. Für Software-Nerds wie mich ist das eine gute Nachricht.

Bitte schließt Eure Apps nicht!

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